Vortrag zur Dorfgeschichte von Prof. Dr. Karlheinz Blaschke
Die Menschen wollen möglichst jung sein und bleiben, aber für unsere Ortschaften wünschen wir uns ein möglichst hohes,
nachweisbares Alter. Und je älter, um so besser. So eigenartig sind die Menschen. Ich sagte absichtlich "ein nachweisbares
Alter", und da ist Zadel gut dran, weil sich tatsächlich nachweisen lässt, dass dieser Ort, zum Jahre 1074, zum ersten mal
in einer Urkunde genannt wurde. Damit ragt Zadel aus der Masse der sächsischen Dörfer weit heraus. Es gibt nur ganz wenige,
die ein so hohes, nachweisbares, Alter aufweisen können.
Natürlich wissen wir, dass es viele Dörfer gibt, die wesentlich älter sind. Alle slawischen Orte mit "itz" und "witz" -
Namen, sind in der Regel schon aus dem 7. Jahrhundert nach Christus, aber das können wir nur ganz allgemein schließen,
aufgrund von Siedlungsformen und aufgrund des Ortsnamens - beweisen können wir es nicht. Es ist nun das schöne an dieser
Urkunde von Zadel, das wir es nachweisen können. Das ist auch der Anlass für die Feierlichkeit diese Woche.
Ich will Ihnen einmal diese Urkunde näher vorstellen. Sie liegt als Original im Stiftsarchiv in Meissen. Laut dieser
Urkunde schenkte König Heinrich IV auf Bitten des Markgrafen Eckbert von Meißen und einiger Bischöfe der Meißner Kirche
- d. h. dem Dom - das Dorf "Rothiboresdorf". Heute eher bekannt als Rottewitz. Damals lag es in der Grafschaft des
Markgrafen Eckbert von Meißen in dem Burgward Zadel und im gau Dalminze. Und damit ist schon eine ganze Menge über diese
Gegend hier gesagt, über eine Zeit, von der wir nur wenig wissen. Der lateinische Urkundentext ist in deutscher Übersetzung
folgendermaßen anzuhören:
"Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit Heinrich, von Gottes Gnaden König. Bekannt soll sein allen
Christgläubigen sowohl den Zukünftigen, wie auch den Gegenwärtigen, dass wir zum Heile unserer Seele und aller unserer
älteren Vorgänger auf Bitten und Zwischenkunft unsrer zielgeliebten Ehefrau Berta und auch auf Bitten des Erzbischofs
Siegfried von Mainz, des Erzbischofs Lietmar von Bremen, des Bischofs Ruthbert von Bamberg, des Bischofs Benno von Meissen
und des Markgrafen Eckbert sowie auch anderer unserer Getreuen, ein gewisses Dorf das "Rothiboresdorf" genannt wird, in der
Grafschaft des Markgrafen Eckbert gelegen, in der Provinz Dalminzen, nämlich im Burgward Zadel, als Eigentum übergeben
haben, der heiligen Meissner Kirche (der Bischofskirche), zur Ehre des heiligen Johannes Evangelista und des heiligen
Märtyrers Donatus."
So stellte sich der mittelalterliche Mensch das vor, er schenkte ein gewisses Gut nicht der Kirche, sondern dem Heiligen.
Der Heilige ist der Empfänger dieser Güter. Ganz konkret, ganz persönlich dachte man sich die Heiligen anwesend in einer
solchen Kirche. Dann kommen noch die Zeichen des Königs, hinzu Kanzleivermerke, Datum und Siegel.
Ich möchte nun die Sache mit "Rotiboresdorf" erklären. Da muß man in gewisse namenkundliche Probleme hineingehen. In den
letzten Jahrzehnten ist in Sachsen durch eine Arbeitsgruppe in Leipzig die mittelalterliche Namenkunde sehr weit betrieben
worden und da hat man unter anderem festgestellt, dass es damals Mischnamen gab. Dabei wurde ein Teil des slawischen Namens
mit einem Teil des deutschen Namens vereinigt. Hinter Lommatzsch gibt es zwei Orte namens Arntitz und Berntitz, deutsche
Personennamen - in diesem Fall - Arnold und Bernhard (sie waren Vasallen des Markgrafen, und ihnen gehörten diese Dörfer)
wurden versehen mit der Endung "itz". Diese Endung geht zurück auf eine slawische Wurzel "itzi" und heißt soviel wie: die
zu einem bestimmten Manne gehörigen Leute. Wir nennen das "patronymische Ortsnamen", Vaternamen. Ein Großvater, Vater einer
großen Familie, der als Namensgeber für die wenigen Kleinfamilien, die sich um ihn herum scharen, bestimmt war. Dies sind
vielleicht die Familien seiner Söhne und Töchter, so dass ein Dorf entsteht. Und die anderen Leute, die nicht dazu
gehörten, sagten: "Dort lebt der Großvater, der Mallot, und die zu ihm gehörigen Leute sind die Mallotitzi." Daraus
wird Malltitz.
Sie haben jetzt einen kleinen Einblick in die Geheimnisse der Ortsnamensentstehung- und entwicklung erhalten. Im Falle von
Arntitz und Berntitz sind Arnold und Bernhard die Dorfherren und die Dazugehörigen sind die "Arnoldtitzi" bzw. die
"Bernhardtitzi". Vorher heißen diese Dörfer Arnholdisdorf und Bernhardisdorf. Der deutsche Urkundenschreiber hat
also einen deutschen Namen geschrieben, aber die slawische Bevölkerung hat dann den halbslawischen Namen durchgesetzt, der
sich bis in die Gegenwart behauptet hat. Wenn Sie diesen Vergleich einmal auf "Rottewitz" anwenden, dann wird Ihnen
das sicher plausibel erscheinen. Ein Slawe namens Rottibor war der Dorfherr und der deutsche Urkundenschreiber legte fest,
dass jener Ort Rothiboresdorf heißen soll. Aber später haben die im Dorf lebenden Slawen die Endung "itz" durchgesetzt, so
dass es bis heute Rottewitz heißt.
Natürlich hat auch Zadel eine Namensbedeutung und die ist von der Slawistik, von der slawischen Namensforschung,
festgestellt worden. Die erste Silbe "Za" (gesprochen wird es: sa) bedeutet im Slawischen: dahinter. Der letzte Teil des
Wortes "del" (gesprochen wird es: djel) heißt Höhenrücken oder Hügel. Also bedeutet Zadel: "Das Dorf hinter dem
Hügel". Ein Ortsname, der sich auf die Eigenart der Landschaft bezieht. Es ist weiterhin gesagt worden, dass es sich
um einen Burgward handelt. Da muß ich aber bis in die Frühzeit der deutschen Herrschaft, um Meißen, zurück, um Ihnen dies
nahebringen zu können.
Im Jahre 929 ist der deutsche König Heinrich I mit einem Heere aus dem Westen von der damaligen deutschen Ostgrenze bei
Merseburg nach Osten vorgestoßen, hat an der Jahna, bei dem Dorfe Hof, die damalige zentrale Burg der slawischen
"Daleminzier" belagert, zerstört und erobert und hat dann, weiterrückend, bei uns an der Elbe am günstig gelegenen Burgberg
eine deutsche Burg errichtet, wo heute Dom und Burg stehen. Später ist er weitergezogen nach Prag und von Prag aus, über
den Böhmerwald, zurück in sein niedersächsisches Herzogtum. Dies war die Geburtsstunde für die deutsche Herrschaft im
slawischen Lande.
Nun kann man feststellen, das diese deutsche Herrschaft sich etwa 200 Jahre lang nur bis an die Elbe erstreckt hat. Denn
östlich der Elbe gab es, mit Ausnahme von Zadel und Zscheila, keine Burgwarde, keine Burgen während der deutschen Zeit,
keine Kirchen und keine Urpfarreien. Westlich der Elbe, im sogenannten Gau Dalminze (Gegend um Lommatzsch bis nach Döbeln),
gab es viele solcher Burgwarde sowie viele Urpfarreien.
Urpfarreien sind Pfarrkirchen mit einem sehr großen zugehörigen Amtsgebiet, mit 20 bis 40 Dörfern. St. Afra bei Meißen ist
noch eine solche Urpfarrei, die allerdings im Laufe der Jahrhunderte auch noch viele Dörfer an Nachbargemeinden hat abgeben
müssen, aus praktischen Gründen. Lommatzsch, Leuben, Krögis, Döbeln, Mochau, Zscheitz und Zehren sind lauter solche
Urpfarreien, in denen die deutsche Herrschaft die unterworfenen Slawen mit dem Christentum vertraut gemacht hat. Es gab
noch nicht in jedem Dorf eine Kirche, deshalb mußten größere Einheiten geschaffen werden. Das heißt also, dass rund 200
Jahre lang die deutsche Herrschaft an der Elbe stehen geblieben ist und dass es im Osten keine solche Organisation gab,
weder politisch noch kirchlich. Außerdem zeigt uns die Archäologie, dass die Besiedlung des Großenhainer Landes nur sehr
gering gewesen ist. Bis auf kleine slawische Besiedlungsinseln bei Wantewitz und Lenz war der Raum östlich der Elbe
unbesiedelt.
Nun kommt natürlich die Frage: "Was ist da nun mit Zadel?" Man kann sich die Sache so vorstellen, dass man gegenüber dem
Burgward Zehren einen Brückenkopf auf der anderen Elbseite errichtet hat und somit, 1074, auch in Zadel eine deutsche Burg
bestanden hat. Im Westen der Elbe war ein Burgward immer ein Gebiet, wo mehrere slawische Dörfer zu einer Burg gehörten,
die dann zu Diensten und Abgaben verpflichtet waren. Normalerweise baute man dann auch noch eine Burgwardskirche für die
Bediensteten der Burg. So kam es zur Gründung von Urpfarreien. Aber Zadel hatte keine eigene Kirche, weil sie noch zu
Zscheila dazugehörte. Zusammengefaßt könnte man sagen, dass die Elbe, bezüglich der mittelalterlichen Kirchenorganisation,
eine Verwaltungsgrenze darstellte, es östlich des Flusses keine deutsche Herrschaft bzw. Kirche gab und Zadel ein
Brückenkopf in militärischer Hinsicht war.
Der Probst, der ranghöchste Mann im Domkapitel, war zuständig für die Aufsicht der geistlichen Kirchen westlich der Elbe.
Östlich der Elbe war der Probst von Großenhain zuständig und auch diese Trennung der Kirchenorganisation ist ein Hinweis
darauf, dass die Elbe wirklich lange Zeit eine Verwaltungsgrenze zwischen dem christianisierten Gebiet im Westen und den
noch nicht christlich - kirchlich betreuten Gebieten im Osten gab. Dieser Zustand hielt bis in die Reformationszeit an.
Ich habe Ihnen nun viel über diese Urkunde erzählt, aber leider ist sie gefälscht. Das ist doch eine große Enttäuschung.
Aber das ist nur halb so schlimm, denn Sie müssen bedenken, dass Urkundenfälschung damals ein frommes Werk war. Und
schreiben und lesen konnten ja nur die Geistlichen. Wenn also ein Geistlicher seinem Kloster oder Bistum einen Besitz
verschaffen wollte, spielte es keine Rolle ob er das zu recht oder unrecht tat, die Hauptsache war, die kirchliche
Organisation hatte etwas vorzuweisen.
Deshalb haben wir eine Unmasse von Urkundenfälschungen aus dem Mittelalter. Heute ist das kein Problem, denn wir können
das mit wissenschaftlichen und technischen Methoden feststellen. Zum Beispiel mit einer Quarzlampe kann man feststellen,
ob in einer Urkunde ein Wort rausradiert und dafür ein neues Wort eingesetzt worden ist. Es gibt aber auch formal
gefälschte Urkunden die inhaltlich echt sind und dies trifft auch auf Zadel zu. Formal gefälscht, dass lässt sich
feststellen. Vielleicht ist die Urkunde einmal abhanden gekommen und wurde dann einfach nachgeschrieben - also
gefälscht - aber das ist nicht schlimm, denn der Inhalt stimmt in diesem Falle. Wir können dessen sicher sein, dass 1074
diese Schenkung stattgefunden hat.
Aber nun die weitere Entwicklung. Wann ensteht eine Kirche? Das steht ja in der Urkunde überhaupt nicht drin. Und da müssen
wir uns wieder mit allgemein landesgeschichtlichen Kenntnissen zufrieden geben. Seit Mitte des 12. Jahrhunderts beginnt die
deutsche Ostbesiedlung von der Saale über die Mulde und über die Elbe nach Osten vorzuschreiten. Eine einzige Urkunde gibt
es, die uns dies auch zeitlich beweist. In dem Dorfe Küren bei Wurzen an der Mulde ist zum Jahre 1154 durch den Bischof
Gerer von Meißen eine Gruppe von flämischen Ansiedlern angesiedelt worden. Und das ist für uns ein ganz bedeutender Punkt
weil wir sagen können, dass in dieser Zeit die große Ostbewegung stattgefunden haben muss. Hunderttausende deutsche Bauern
sind aus den alten Gebieten (Niedersachsen, Thüringen, Franken) in den Osten gewandert und haben dabei unser Gebiet
erreicht. Und so kann man auch guten Gewissens sagen, dass in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts sich die deutsche
Besiedlung über die Elbe hinweg bis ins Großenhainer Land erstreckt hat und somit große deutsche Dörfer angelegt worden
sind, die dann auch deutsche Ortsnamen erhielten.
Und man erkennt nun, und das ist sehr wichtig, die neuen deutschen Dörfer an ihrer Struktur und an ihrer Größe. Denn sie
sind viel größer als die kleinen slawischen Orte. Das liegt daran, das jetzt nicht mehr nur eine Großfamilie unter einem
Großvater ein Dorf besiedelt, mit vier oder fünf Häusern, sondern eine ganze Bauerngemeinde mit 20 bis 40 Höfen in einem
Dorf lebt. Die Großräumigkeit dieser Siedlungen ist ein wesentliches Merkmal und deswegen gehört eben auch Zadel, von
seiner bäuerlichen Struktur her, in diese neue Phase. Wir müssen davon ausgehen, dass die Burg schon Mitte des 11.
Jahrhunderts errichtet wurde und gegen Ende des 12. Jahrhunderts die Anlage eines deutschen Dorfes entstand und dazu
gehörte nun einmal eine Kirche.
Man kann aber nicht beweisen, ob es vielleicht schon eine Kirche zur Burgzeit gab. Aber bei der Ansiedlung der Bauern ist
sie auf jeden Fall entstanden. Denn diese Leute kamen als Christen in das Land und sie brauchten eine Kirche, als einen
gesellschaftlichen Mittelpunkt ihrer Siedlung, als den Ort, wo sie jeden Sonntag zum Gottesdienst erneut die Gnade Gottes
zugesprochen bekamen. Vielleicht haben sie sich ihren Pfarrer gleich mitgebracht. Und es wird vermutet, dass diese
Kolonisten, als sie hier ankamen, vielleicht mit Ochsenwagen und nach einem wochenlangen Marsch aus den westlichen
Gebieten, sofort begonnen haben, eine Kirche zu bauen. Das war für sie neben dem bau der Häuser und neben der Rodung des
Waldes und der Anlage der Felder die wichtigste Sache. Und dafür gibt es drei unterschiedliche Beweise:
Wir haben in Sachsen 20 Dörfer, in deren Namen das Wort Kirche vorkommt. Neukirchen, Waldkirchen, Hohenkirchen,
Kirchberg... Und diese Ortsnamen sind nur so zu erklären, dass in einem Gebiet, das aufgesiedelt wird, natürlich jedes Dorf
einen Namen kriegen muss, damit man sich verständigen kann. So dass es neben einem Gersdorf und einem Dorf namens
Schwarzbach auch einen Ort gibt, der Neukirchen heißt, weil da eine neue Kirche steht. Sonst müsste man ja annehmen, dass
der Ort einmal anders hieß und aus irgendeinem Grunde umbenannt wurde. Ein anderes Beispiel belegt dies noch einmal:
Waldkirchen bedeutet: Die Kirche im Wald. Die Kirche wurde sofort im ersten Jahre der Besiedlung gebaut, denn als die Leute
dort ankamen war ja alles noch dichter Wald gewesen, den sie erst nach und nach rodeten, um Platz für die Häuser und Felder
zu haben.
Der zweite Beweis kommt aus der Urkunde von Küren aus 1154. Denn in dieser Urkunde steht bereits drin, dass eine ganz
festgelegte Zahl von Siedlern dort ihre Höfe bekommen und dass der Pfarrer und die Kirche von Anfang an auch ein Stück
Landbesitz erhalten. Die Kirche ist also gleich bei der Aufmessung des Dorfes mit inbegriffen.
Und den dritten Beweis hat vor rund 15 Jahren die sächsische Archäologie geliefert, in dem man in Nordwestsachsen beim
Erneuern von Kirchenfußböden (Kirche von Neichen, nördlich von Grimma) Holzfundamente der ursprünglichen Kirche
festgestellt hat. Da entdeckte man einen Holzrahmen von etwa 5 mal 7 Meter mit Zapflöchern, in die dann Bohlen eingesetzt
wurden. So dass man während der Waldrodung gleich das Holz zum Kirchenbau nutzte. Das ist also der Beweis dafür, dass
gleich bei der Gründung eines Dorfes die Kirche zu allererst gebaut wurde.
Übertragen wir die Erkenntnisse von Nordwestsachsen auf unser Gebiet, dann kommt man zu der Meinung, dass spätestens 1150
mit der Besiedlung des ganzen Großenhainer Landes, neben einer bereits vorhandenen Burg aus frühdeutscher Zeit, ein
deutsches Bauerndorf angelegt wurde, das sofort eine Kirche bekommen hat. Dieses Dorf hat eine gassenförmige Gestalt, auch
das ist wichtig, denn die späteren deutschen Dörfer wurden als straßenförmige - oder als Straßenangerdörfer angelegt.
Die Flureinteilung ist eine Gewannflur, das ist die typische Flur für diese großen Flächen im Norden von Sachsen, eine
sehr rationale Gestaltung der Flurnutzung, wo jeder Bauer ein Feld hat und da wir seit dem 16. Jahrhundert immer
unverändert 17 Bauern mit 17 Hufen feststellen können, die Hufe, also der Besitz eines Bauers, war so groß, dass dieser
von einer Familie bearbeitet werden konnte und für den Unterhalt einer Familie ausreichte.
17 Bauern und 17 Hufen, das ist offensichtlich die ursprüngliche Größe dieses Dorfes gewesen, also wesentlich größer als
ein slawisches Dorf, aber noch nicht so groß wie die anderen Dörfer weiter nach Osten hin. Und zur Kirche ist nun
festzustellen, dass sie bis etwa 1230 Filialkirche von Zscheila gewesen ist. Zscheila, unmittelbar gegenüber von Meißen,
war offenbar die ältere Kirche, auch auf einer Burg gelegen, und von dort aus kam dann der Pfarrer hierher, aber die Bauern
haben sich sehr bald selbständig gemacht und ihren eigenen Pfarrer erhalten. Da wurde es Pfarrkirche mit vier eigenen
Pfarrdörfern und das ist nun geblieben eigentlich bis zur Gegenwart.
Wenn Sie bedenken, dass im vergangenen Jahr (1998, redaktionelle Anmerkung) unsere Landeskirche eine tiefgreifende
Strukturreform durchführen musste, weil die Finanzen es nicht anders ermöglichten, dann können Sie einmal ermessen, welche
Revolution in der Kirchenverfassung es bedeutet. Eine Kirchenverfassung, die praktisch seit 800 Jahren existiert wird
jetzt, in unserer Zeit, radikal verändert.
Das ist ein Hinweis darauf, wie sehr sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert haben, wie die Bedeutung der
Kirche insgesamt für die Gesellschaft abgenommen hat und wie sich die Kirche nun an die neuen Verhältnisse anpassen muss.
Es ist eine Beständigkeit gewesen, seit damals bis zu unserer Zeit, und erst wir heute haben andere Aufgaben und nicht
mehr die materielle Kraft, um die gewachsene Kirchenorganisation von 800 Jahren weiter fortzuführen.
Wir werden auch diese Reform überdauern, aber man muss sich im Hinblick einer Geschichte, auch einer Ortsgeschichte,
bewusst werden, in welcher Zeit man lebt und was die Zeit von uns fordert, auch von der Kirche.
Ich glaube, ich habe Ihnen genügend erzählt über die Umstände, die mit dieser Urkunde verbunden sind.
Es sind aus dem Mittelalter nur noch wenige Nachrichten vorhanden. Die Gemahlin eines Markgrafen hat 1195 das Dorf Zadel
dem Kloster Altzella geschenkt. Auch das war wieder ein gutes Werk, so wie König Heinrich IV, der das Dorf Rottewitz an das
Bistum geschenkt hatte. Zum Heil ihrer Seele, gute Werke, Werkheiligkeit. Ein ganz wichtiger Gesichtspunkt für die
mittelalterliche Frömmigkeit. Bis zur Reformationszeit ist es auch so geblieben, so dass Diera, Zadel und Nieschütz als
Besitz des Klosters Altzella verwaltet wurden. Zadel erhielt einen Klosterhof, in dem der hiesige Besitz genutzt wurde.
Doch das soll uns nicht weiter beschäftigen.
Das eine sollte uns aber deutlich sein, es gibt wissenschaftlich begründete Möglichkeiten, um sich über die Geschichte, in
diesem Fall sehr früher Geschichte, eines Ortes Klarheit zu verschaffen. Wir können also nachweisen wie es damals gewesen
ist. Und zweitens, wir sollten bei diesem Rückblick auch die Frage stellen: Wo stehen wir heute und wie geht es weiter mit
unserer Kirche? Wie wird es in 925 Jahren in Zadel und in der Kirche aussehen?
Wir dürfen die Hoffnung haben, dass dann immer noch an dieser Stelle, wo seit 800 Jahren und länger eine Kirche steht,
sich immer noch ein so prächtiger Bau behaupten darf. Weil wir die Aufgabe haben, eine Kirche zu bauen und zu bewahren und
zu pflegen sowie das Wort Gottes darin weiter zu sagen.